Text von Antje Lechleiter
„Bewegung ist Leben“ – dieses Credo von Karla Kreh schlägt sich mit Vehemenz in ihrer Malerei nieder. So besteht in Bildern der Künstlerin ein klarer Wirkungszusammenhang zwischen der expressiven Dynamik der Formen und dem mit großer Bewegungsenergie geführten Pinsel. Die Malerin bannt die leidenschaftliche Aktion und raumgreifende Körperlichkeit auf die ruhige, zweidimensionale Fläche der Leinwand.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Karla Kreh intensiv mit Tanz und Tanzperformance. Sie ist besonders von dem aus Japan kommenden Butohtanz inspiriert, in dem das Absurde und Groteske im Vordergrund steht. Dies fließt auch in ihre Malerei ein, neben figurativen Bereichen gibt es immer auch Bildabschnitte, in denen sich das Benennbare vollständig in Farbe und Malgeste auflöst. Entsprechend dem berühmten Satz Paul Klees „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar“ sind ihre Kompositionen offen und geben der Phantasie des Betrachters Raum. Bei den Malaktionen der Künstlerin, die häufig mit Musik- und Tanzperformances verbunden sind, entstehen sie im Fluss, hinterlassen energetisch aufgeladene „Kraftzeichen“ auf dem Bildgrund.
In der Serie der „Tanzbilder“ verschmilzt der Bildinhalt kongenial mit der Malgeste, also mit der Handlung am Bild. Körper, Tanz und Bewegung, all das, was sie selbst unmittelbar betrifft, verdichtet sich in diesen Kompositionen. Mehr noch: Durch den Malvorgang wird Karla Krehs Körper selbst Bestandteil des Bildes. Arbeiten wie „Tempeltänzerin“ (2003) sind dafür anschauliche Beispiele. Hier löst sich die Figur in frei gesetzte Pinselschwünge auf, sie ist bereits im Stehen durchpulst von einer gewaltigen Bewegungsenergie. Entsprechend schnell und aktiv erfolgte die künstlerische Formulierung auf der Leinwand. Der Einsatz der Farbe greift diese Aspekte verstärkend auf. Der Kontrast von Blau und Rot, der sich in der klassischen Moderne häufig bei den Expressionisten findet, beschreibt die Reibung zweier gegenläufiger Aspekte. In diesem Sinne setzt auch die Künstlerin die Farben ein und stellt Ruhe (blau) neben Bewegung (rot).
Karla Kreh wählt die Farbe während einer Malaktion spontan und intuitiv aus. Jene wird zu einem elementaren Erlebnis, breitet sich aus, strahlt über die Begrenzung der Bildränder hinweg in den Raum hinein. Kunsthistorisch lässt sich eine Linie von den Fauves zum Neoexpressionismus der Berliner „neuen Wilden“ der 1980er Jahre ziehen. Gerade angesichts der „Tempeltänzerin“ liegt ein Vergleich mit den Werken Helmut Middendorfs nahe, der in Bildern wie „Electric Night“ (1979) durch den Farbkontrast von Rot und Blau sowie durch die Malgestik die Eindringlichkeit von Musik und Tanz in Malerei überführt.
Einige Werke, die während einer Mal-Performance entstanden, werden später im Atelier vollendet. Die Herangehensweise ist dort naturgemäß eine andere, wie auch folgendes Zitat der Künstlerin verdeutlicht:
„Bei einer Session ist der Adrenalinspiegel höher, die Gedanken und der Malverlauf beschleunigt, während im Atelier die Bilder mehr meditativ entstehen.“
Doch ob Karla Kreh vor Zuschauern oder alleine im Atelier arbeitet: Der Malakt, der Weg zum Bild ist das Entscheidende. Manche Kompositionen brauchen Zeit. Es kommt vor, dass begonnene Werke noch nach Jahren zu einem neuen Herangehen auffordern, diese Bilder durchlaufen dann mehrere Metamorphosen. Andere fügen sich hingegen schnell und während einer Tanzperformance mit Musik können mehrere große Werke entstehen.
Zuvor beschäftigte sich die Künstlerin im Tanz mit den Elementen, die sich ständig in Bewegung befinden, Wasser und Feuer. Dann wurden Bewegung und Tanz zu zentralen Themen ihrer Bilder. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre entstand schließlich eine Serie von glühend roten, gestisch gemalten Werken, in der Flammen wild emporlodern. Die Ambivalenz zwischen der reinigenden, erneuernden Kraft des Feuers und seiner zerstörerischen Energie ist vielen ihrer Bilder eingeschrieben. So agieren die Tänzer des Bildes „Plutos“ (1992) mit ihren ineinander fließenden Bewegungen wie in rauschhafter Ekstase. Erreichen sie dabei eine Neugeburt auf höherer Stufe oder werden sie in der Glut vergehen?
Ein Unglücksereignis konfrontierte die Künstlerin im Jahr 1994 mit der verderbenden Kraft des Elements: Bei einem Brand durch Gewitter verlor die Malerin das neu aufgebaute Atelierhaus in Hüfingen. Lange Zeit danach wollte und konnte sie kein Feuer mehr malen. Während der Phase der Aufarbeitung dieser traumatischen Erfahrung entstand jedoch eine Installation in den Farben der deutschen Flagge: Unter dem Titel „Schwarz-Rot auf goldenem Grund“ (2005) lagen auf einer goldenen Platte die außen verbrannten Balken des Hauses. Die Stirnseiten der Stämme leuchteten hingegen so rot wie Blut.
Wie die Ausstellung „Welträume – Weltträume“ 1995 in der Galerie der Stadt Stuttgart „unterm Turm“ gezeigt hat, taucht im Oeuvre der Malerin das Thema „Space“ seit ca. 1990 verstärkt und auch in Verbindung mit ihrer eigenen Biografie auf. Das Bild „Geteilte Sonne“ (2002) symbolisiert die geteilte Lebenskraft. Es verarbeitet damit ihr Pendeln zwischen dem neuen Wohnort und gemeinsamen Atelier in der Künstlergruppe „Gibraltar“ in Luxemburg und dem Studio, das sich weiterhin in Hüfingen befand. Die altgriechische Philosophie sowie die Mythologie, welche die gesamte Vielfalt des menschlichen Lebens abzubilden vermag, wurde über einen längeren Zeitraum hinweg zu einem weiteren, zentralen Ankerpunkt ihrer Malerei („Mythos 3“, 2006).
Fragt man die Künstlerin, welche Arbeit ihr besonders wichtig ist, so nennt sie die Komposition „Abschied“ (2006), die zu einer Ausstellung im Zukunftslabor in Stuttgart mit dem Thema „Heimat“ entstand. Zu dieser Vorgabe konnte Karla Kreh zunächst keinen Bezug entwickeln. Um daher zu ergründen, was Heimat heute für sie bedeutet, machte sie sich frei von allen Gedanken und ging in die Meditation. Ihre Gefühle drückte sie dann spontan sowohl in der Malerei als auch in einem, dem Bild zur Seite gestellten Text aus.
Es fällt auf, dass die Figuren auf den Bildern von Karla Kreh oft im Profil dargestellt sind. Die Künstlerin drückt darin die Architektur eines Gesichtes und seine besondere Charakteristik aus. Um das Jahr 2013 entstand eine ganze Serie von schwarz-weißen Profilbildern, die vexierbildartig mit dem Umspringen von Positiv-Negativ-Formen arbeiten. So sehr sich diese grafischen Werke von den anderen Arbeiten zu unterscheiden scheinen, so verweisen sie doch auf eine, das Oeuvre als roter Faden durchziehende Verwandlungsfähigkeit von Formen und Bildelementen. Als Beispiel hierfür sei auf die Komposition „Es ist zu grün, um rot zu werden“ verwiesen, in der sich mehrere Figuren versteckt halten.
„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet“, sagt Pablo Picasso. Für Karla Kreh beschreibt dieser Satz wichtig, denn er ihren Malprozess, in dem sie persönliche Wesensmerkmale, Erlebnisse und Gedanken sichtbar macht.
Karla Kreh – Color in Motion
Antje Lechleiter
“Movement is life” — this credo of Karla Kreh is reflected with great intensity in her painting. In the artist’s works, there is a clear connection between the expressive dynamism of forms and the brush guided with great physical energy. The painter captures passionate action and expansive physicality on the calm, two-dimensional surface of the canvas.
For many years Karla Kreh has been deeply engaged with dance and dance performance. She is particularly inspired by Butoh dance from Japan, in which the absurd and the grotesque take center stage. This influence also flows into her painting. Alongside figurative passages there are always sections in which recognizable forms dissolve completely into color and gesture. In keeping with Paul Klee’s famous statement, “Art does not reproduce the visible; rather, it makes visible,” her compositions remain open and leave space for the viewer’s imagination.
During the artist’s painting actions, which are often combined with music and dance performances, the works emerge in a continuous flow, leaving energetically charged “force marks” on the pictorial ground. In the series of the “Dance Paintings,” the pictorial content merges harmoniously with the painting gesture itself — with the act of painting. Body, dance, and movement — everything that directly concerns the artist — condenses in these compositions. More than that: through the act of painting, Karla Kreh’s own body becomes part of the work.
Works such as Temple Dancer (2003) are striking examples of this. Here the figure dissolves into freely released brushstrokes; even while standing, it already pulses with immense kinetic energy. Accordingly, the artistic formulation on the canvas was executed quickly and actively. The use of color reinforces these aspects. The contrast between blue and red, which frequently appears in classical modernism among the Expressionists, describes the friction between two opposing forces. In this sense the artist also employs color, placing calm (blue) beside movement (red).
During a painting action, Karla Kreh chooses color spontaneously and intuitively. Color becomes an elemental experience, spreading outward and radiating beyond the boundaries of the picture frame into the surrounding space. From an art-historical perspective, a line can be drawn from the Fauves to the Neo-Expressionism of the Berlin “Neue Wilde” of the 1980s. Particularly in view of Temple Dancer, comparisons with the works of Helmut Middendorf come to mind. In paintings such as Electric Night (1979), he transforms the intensity of music and dance into painting through the contrast of red and blue as well as expressive brushwork.
Some works that arise during a painting performance are later completed in the studio. The approach there is naturally different, as the following quotation from the artist illustrates:
“During a session the adrenaline level is higher, thoughts and the painting process accelerate, while in the studio the images emerge in a more meditative way.”
Yet whether Karla Kreh works in front of an audience or alone in the studio, the act of painting — the path toward the image — is what matters most. Some compositions require time. It happens that works begun years earlier call for a new approach, passing through several metamorphoses. Others come together quickly, and during a dance performance accompanied by music several large works can arise.
Earlier, the artist engaged through dance with the elements that are constantly in motion — water and fire. Later, movement and dance became central themes of her paintings. In the first half of the 1990s a series of glowing red, gesturally painted works emerged, in which flames blaze wildly upward. The ambivalence between the purifying, renewing force of fire and its destructive energy is inscribed in many of her paintings.
Thus, the dancers in the painting Plutos (1992) move with interwoven gestures like figures in ecstatic frenzy. Do they achieve rebirth on a higher level, or will they perish in the flames?
A tragic event confronted the artist in 1994 with the destructive power of this element. During a thunderstorm, a fire destroyed the newly built studio house in Hüfingen. For a long time afterward she neither wished nor was able to paint fire. During the period of processing this traumatic experience, however, she created an installation in the colors of the German flag. Under the title Black–Red on Golden Ground (2005), the charred beams of the house were laid on a golden plate. The end grain of the trunks glowed red like blood.
As the exhibition World Spaces – World Dreams (1995) at the Stuttgart City Gallery “Unter’m Turm” demonstrated, the theme of “space” has appeared increasingly in the painter’s oeuvre since around 1990, often in connection with her own biography. The painting Divided Sun (2002) symbolizes divided life energy. It reflects her life between her new place of residence and the shared studio of the artists’ group “Gibraltar” in Luxembourg, while her own studio remained in Hüfingen.
Ancient Greek philosophy and mythology — capable of representing the entire diversity of human life — also became another central anchor point in her painting over a longer period (Mythos 3, 2006).
When asked which work is particularly important to her, the artist names the composition Farewell (2006), which was created for an exhibition at the Zukunftslabor in Stuttgart on the theme of “Home.” At first Karla Kreh found it difficult to relate to this concept. In order to explore what “home” means to her today, she freed herself from all thoughts and entered meditation. She then expressed her feelings spontaneously both in painting and in a text placed beside the image.
It is noticeable that the figures in Karla Kreh’s paintings are often depicted in profile. In doing so, the artist expresses the architecture of a face and its particular character. Around 2013 an entire series of black-and-white profile images was created that play, like visual puzzles, with the switching between positive and negative forms.
Although these graphic works appear very different from her other paintings, they nevertheless refer to a fundamental ability for transformation of forms and pictorial elements that runs like a red thread through her oeuvre. One example is the composition It Is Too Green to Become Red, in which several hidden figures can be discovered.
“The secret of art lies in not seeking, but finding,” said Pablo Picasso. For Karla Kreh, this statement aptly describes her artistic process, in which she makes visible personal qualities, experiences, and thoughts.
